Programmatic Assessment

Flexible Lernprozesse durch einen programmatischen Prüfungsansatz

In vielen Studiengängen, ob medizinisch oder nicht, besteht ein zunehmendes Interesse an einem programmatischen Prüfungsansatz und dialogorientiertem Lernen. Wir stellen fest, dass viele Institutionen darüber nachdenken, wie sie dies gestalten sollen. Letztendlich vermuten wir, dass der programmatische Prüfungsansatz auch in berufsvorbereitenden Bildungsinstitutionen, wie z.B. Gymnasien oder auch Grundschulen, mehr und mehr Anwendung finden wird. Schließlich ist dies der Weg, Lernprozesse flexibel zu organisieren und dennoch den Überblick über den Lernprozess zu behalten, sowohl für die Lernenden als auch für die Ausbilder:innen und Betreuer:innen.

Was versteht man unter einem programmatischen Prüfungsansatz? 

Ein programmatischer Prüfungsansatz bzw. Programmatic Assessment kann im Wesentlichen als Erfassung des Lernprozesses in Datenpunkten gesehen werden, was einen viel besseren Einblick in den Lernprozess ermöglicht. Aber es ist viel mehr als das. Es geht darum, dass eine kontinuierliche Bewertung, oder besser gesagt ein kontinuierliches Feedback, den Lernprozess unterstützt und stärkt. Feedback und Tests als integraler Bestandteil des Lernens. Dabei kann es sich um formative Methoden handeln, bei denen es mehr um das Feedback zu einer abgeschlossenen Aktivität geht, aber auch um summative Methoden, die eher einen bewertenden Charakter haben. Bei einem programmatischen Prüfungsansatz ist es wichtig, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem, was und wie viel gemessen wird, den verwendeten Instrumenten und den angewandten Testformen besteht.

Wir bezeichnen Programmatic Assessment zunehmend als programmatische Ausbildung, programmatisches Feedback oder flexible Bildung. Der Erfinder des programmatischen Prüfens ist Prof. Cees van der Vleuten. Er leistet seit 25 Jahren Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Interessanterweise wurde in diesem Zeitraum auch die Scorion-Plattform entwickelt, die heute in den Niederlanden am häufigsten für programmatische Prüfungen und flexible und personalisierte Lehre eingesetzt wird. Etwa zur gleichen Zeit, als Prof. Van der Vleuten 1996 seine Antrittsrede „Beyond Intuition“ hielt, in der das Konzept zum ersten Mal öffentlich wurde, begannen wir bei Parantion darüber nachzudenken, wie ein Lernprozess anhand von Daten visualisiert werden könnte. Die nachstehende Metapher wird von Prof. Van der Vleuten häufig zur Erklärung des Konzepts verwendet.

Der Ursprung eines programmatischen Prüfungsansatzes

Programmatic Assessment hat seinen Ursprung in der medizinischen Ausbildung. Und das ist kein Zufall. Denn in der medizinischen Ausbildung ist es von großer Bedeutung, dass die Fähigkeiten, die den Studierenden vermittelt werden, auch in der Praxis richtig geübt werden. Ein medizinischer Fehler kann schwerwiegende Folgen haben. Außerdem ist es für eine Bildungseinrichtung sehr schwierig, das Lernen am Arbeitsplatz richtig zu bewerten, da es oft außerhalb des direkten Blickfelds des Ausbilders stattfindet. Wenn man außerdem bedenkt, dass während der medizinischen Ausbildung sehr viele Fertigkeiten erlernt werden, kann man sich vorstellen, wie wichtig es ist, eine gute Vorstellung von den qualitativen Fortschritten der Entwicklung eines/einer Studierenden zu haben.

Vor Jahren wurden in fast jedem Medizin- oder Gesundheitsstudiengang eine Menge Daten erfasst. In Papierbüchern. Sowohl während der theoretischen Lehre als auch während der Praktika. Pro Praktikum mussten oft Dutzende von (Papier-)Formularen ausgefüllt werden. Wenn der oder die Studierende Glück hatte und der Ordner nicht verloren ging, erhielten Studierende erst nach sechs Monaten eine Rückmeldung zu einer Aufgabe, die in dem Ordner eingetragen war. Das war nicht nur sehr demotivierend, sondern auch sehr spät. Feedback ist nur dann sinnvoll, wenn es zeitnah zur Aktivität gegeben wird. Und da eine klassische Abschlussnote nur wenig über das Gelernte aussagt, war es wichtig, mit der Erfassung der tatsächlichen Lerninformationen zu beginnen.

Dieses „dialogorientierte Lernen“, bei dem die Lern-/Verhaltensergebnisse (auf der Grundlage von Feedback) seit langem der Ausgangspunkt für den Entwicklungsprozess in Medizin- und Gesundheitsstudiengängen sind, bildet die Grundlage für das Lernen und die Entwicklung der Studierenden. Schade war nur, dass alle Papierportfolios schwer zu analysieren und zu bearbeiten waren. Nun bietet die Digitalisierung eine enorme Chance. Feedback und wertvolle Lernmomente werden in Datenpunkten festgehalten. Und diese Daten sind eine enorme Chance, dem oder der Studierenden, aber auch den Betreuenden, Lehrenden und der Bildungseinrichtung einen Einblick in den Lernprozess zu geben.

Ist ein programmatischer Prüfungsansatz nicht sehr arbeitsintensiv?

Aller Anfang ist schwer. Denn anfangs war es recht kompliziert, den Lernprozess selbst zu erfassen. Es gab keine Software, die dies leisten konnte, und die Papierbücher boten auch keine Lösung. Die erste Version der Softwareprogramme führte zu einem hohen Verwaltungsaufwand und zum Ausfüllen der Formulare. Das hat in einer Menge zusätzlicher Arbeit für die Lehrenden und Betreuer:innen resultiert.

Nun, da einige Jahre vergangen sind, sehen wir, dass die Prüfungs- und Feedbackinstrumente vollständig in den Lern- und Arbeitsprozess integriert sind. So kann beispielsweise Feedback auf einem Smartphone aufgezeichnet werden oder eine Lehrkraft kann „unaufgefordertes“ Feedback aufzeichnen. Die App folgt sozusagen mehr und mehr dem Lernprozess, an dem Sie gerade arbeiten.

Es ist auch wichtig, die Anzahl der Messzeitpunkte und die verwendeten Feedback-Instrumente sorgfältig auszuwählen. Schließlich müssen Sie nicht alles aufzeichnen. Das Dashboard mit den Informationen, die Sie benötigen, um festzustellen, ob jemand auf dem richtigen Weg ist, ist ein wichtiger Indikator dafür, welche Datenpunkte Sie benötigen. Außerdem liegt ein großer Teil der Arbeit und der Verantwortung bei den Studierenden. Dies ist möglich, weil ein gutes E-Portfolio dem Studierenden einen guten Einblick in den Lehrplan und die von ihm zu absolvierenden Schritte gibt. Der Lernnutzen für die Studierenden ist größer und der Arbeitsaufwand für die Bildungsinstitutionen ist geringer.

Eignet sich Programmatic Assessment für jeden Studiengang?

Die Antwort ist Ja und Nein. Denn viele Bildungsinstitutionen arbeiten noch traditionell mit viel Unterricht und Noten. In diesem Fall ist ein solcher Prüfungsansatz nicht sehr effektiv. Es funktioniert am besten, wenn persönliche Lernprozesse im Fokus stehen. Die meisten Studiengänge oder Bildungsprogramme stellen jedoch zunehmend fest, dass es viel effektiver ist, das Lerntempo des einzelnen Lernenden anzupassen und mit „echten“ Aufgaben zu arbeiten. Und dann ist es sicherlich sinnvoll, den Lehrplan programmatisch zu gestalten. Programmatische Bildung funktioniert also ganz anders als traditionelle und gruppenorientierte Bildung. Das funktioniert oft viel besser mit authentischen Lern- und Arbeitsaufträgen oder Herausforderungen. Es gibt auch Ausbildungsprogramme, die ein vollständig auf Herausforderungen basierendes Lernprogramm haben. Dies ist auch einer der Gründe, warum es sich besonders für die berufliche Bildung im Sekundarbereich eignet.

Wie können Sie einen programmatischen Prüfungsansatz implementieren?

Gelegentlich sprechen wir mit Studiengängen, die uns mitteilen, dass auch sie mit einem programmatischen Prüfungsansatz arbeiten und in zwei Monaten damit beginnen möchten. Das ist möglich, vorausgesetzt, das pädagogische Konzept ist bereits durchdacht. Oftmals gehen dem aber eine Reihe von Denkprozessen voraus.

Insbesondere muss man sich überlegen, welche Prüfungsformen für welche Aufgaben am besten geeignet sind und wie man als Ausbilder:in, Lehrer:in oder Dozent:in weiß, ob jemand auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Letzteres ist sowohl für den oder die Studierende als auch für den Studiengang bzw. Bildungsprogramm von großer Bedeutung. Es stellt sich auch die Frage, wie sogenannte „Vertrauensentscheidungen“ getroffen werden können, d. h. wie festgestellt werden kann, ob jemand eine Fähigkeit gut beherrscht und auf welchem Niveau. Und letzteres ist wichtig, um gegebenenfalls Anpassungen vornehmen zu können. Deshalb beginnen wir bei der Konzeption des Portfolios eines programmatischen Studiengangs oft auf der „Output-Seite“, dem gewünschten Dashboard. Sobald klar ist, welche Informationen Studierende, Dozierende und Betreuer:innen benötigen, um zu sehen, ob jemand auf dem richtigen Weg ist, wissen Sie auch, welche Informationen aus dem Studiengang gesammelt werden müssen. Und auf Grundlage des Lehrplans werden dann die Formulare, Feedback-Prozesse, Prüfungen, Peer-Feedbacks oder eine der anderen 25 bis 30 Möglichkeiten zur Erfassung von Datenpunkten in das System integriert.

Welche Rolle und Funktion hat das E-Portfolio Scorion bei einem programmatischen Prüfungsansatz?

Scorion begann vor etwa 15 Jahren mit der Entwicklung eines datengestützten Portfolios. Wir wollten alle bedeutsamen Lernmomente aufzeichnen, um uns ein gutes Bild davon zu machen, wie sich jemand wirklich entwickelt. Anfänglich erhielten wir von Bildungseinrichtungen die Rückmeldung, dass dies nicht praktikabel sei. Und das war es auch nicht. Alle Messzeitpunkte mussten eingegeben werden, was den Lernprozess erheblich gestört hat.

Gemeinsam mit dem Bildungs- und Berufsausbildungsbereich haben wir Scorion weiterentwickelt. Und jetzt ist Scorion als Bewertungs- und Feedback-Plattform vollständig in den Lern- und Arbeitsprozess integriert. Man merkt kaum etwas von der Messung der Datenpunkte und Scorion bietet den Lernenden eine Hilfestellung, um dem Lehrplan zu folgen. Ein persönlicher Lernprozess bedeutet nicht, dass Lernende allein lernen. Es ist sehr gut möglich, gemeinsam in Projekten zu lernen und zu arbeiten und trotzdem seinen persönlichen Lernweg zu gehen. Dadurch wird der Lernprozess für den Einzelnen persönlich. Auch wenn man im Unterricht oder in Projektgruppen lernen kann, hat jeder sein eigenes Tempo.

Man könnte also sagen, dass wir 2008 den ersten Prototyp für programmatische Tests entwickelt haben. Das war das Peer-Evaluierungsinstrument, das wir für eine Bildungseinrichtung entwickelt haben. Die Studierenden begannen, viel mehr in der Praxis an „echten“ Aufgaben zu arbeiten, anstatt den Großteil ihrer Zeit in der Bildungseinrichtung zu verbringen. Sehr effektiv, aber dabei hat der Dozierende die Entwicklung der Studierenden aus den Augen verloren. Bei der Peer-Evaluation gaben sich die Studierenden mit Hilfe von Rubrics gegenseitig Feedback und es entstand ein gutes Bild ihrer Leistungen.

Scorion ist eine der wenigen Lernplattformen, die einen persönlichen Lernweg durch programmatisches Feedback unterstützt und Einblicke in die wertvollen Lernmomente am Arbeitsplatz bietet. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Scorion in vielen Bildungseinrichtungen eingesetzt wird. Und nun auch in der beruflichen Sekundarbildung, wo sich diese Lehrmethode hervorragend eignet. Dies könnte eine Gelegenheit sein, diesen Bildungszweig flexibler zu gestalten, um eine wirklich persönliche Ausbildung zu ermöglichen. Eine Verbindung zwischen den Bildungsanforderungen der Qualifikationsdossiers einerseits und dem individuellen und persönlichen Entwicklungsweg des Schülers andererseits. Die Vorstellung, dass jede/r Studierende und jeder Studiengang mit einem Standardkompetenzen-Set auskommen kann, ist wahrscheinlich auch überholungsbedürftig. Wenn Sie schließlich auf eine datenbasierte Zertifizierung hinarbeiten können, die von Fachleuten geprüft wird, könnte dies ein wichtiger Schritt in die Zukunft sein. Einige Bildungs-Pioniere haben angekündigt, dass sie „mitmachen“ werden.

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